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Geschichte

Die Geschichte der Fabrik

Im Jahre 1840 erwarb das Mailänder Großhandel- und Bankhaus „Pietro Simonetta“, die an der Steinernen Mühl gelegene „Bäckermühle“ (heute Portierhaus Nr. 35!) mit dem dazugehörigen Grundstück.  Das die Wahl der Simonettas auf Helfenberg fiel hatte seine guten Gründe. In Helfenberg stand in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Handweberie schon in voller Blüte. Sowohl im Ort selbst, als auch in der engeren und weiteren Umgebung klapperte fast in jedem Haus ein Webstuhl. An der Steinernen Mühl, im Volksmund „Michl“ genannt, hatten sich drei Leinenfarnbleichen angesiedelt, welche das handgesponnene Leinengarn bleichten. Die größte davon stand beim „Kastnerhof“ in Waldhäuser. Der Mühlviertler Boden besteht aus Urgestein (Granit) und ist daher kalkarm, das Wasser weich und für Bleichzwecke vorzüglich geeignet.

Der Plan der Simonettas war darauf gerichtet:

1. die vorhandene Arbeitskraftkapazität an Handwebern fabrikmäßig zu beschäftigen, um dadurch eine kontinuierliche Produktion zu sichern und

2. die Leinengarnbleichen auszunützen und möglichst große Mengen an gebleichtem Leinengarn ohne verteuernde Frachtkosten zu Verfügung zu haben.

In den Jahren 1842 bis 1844 wurde auf dem linken Flussufer gegenüber der „Bäckermühle“ das Fabrikgebäude erreichtet und 1844 auch in Betrieb genommen. Der Plan welcher der Kommissionierung vorlag, ist aus dem Jahr 1843. Die Jahreszahl 1844 die in einem Dachtram des Gebäudes eingeschnitzt ist, zeigt wahrscheinlich die Fertigstellung, vielleicht auch die Dachgleiche des Baues an. Das Gebäude selbst ist ein viergeschossiger Hochbau von 53m Länge, 26m Breite und 24m Höhe. Im Untergeschoss ist die Wasserradstube situiert. Die Mauerstärke beträgt 2,25m. Zur damaligen Zeit mussten die Baumeister ohne statische Berechnung auskommen, deshalb wurde auf Sicherheit gebaut. Die Räume des Erdgeschosses wurden mit sicheren Tonnengewölben versehen, auf die dann die weiteren Geschosse aufgesetzt sind. Die geschaffenen Arbeitsräume sind hoch, trocken und lichtdurchflutet. Für die damaligen Verhältnisse wurde außerordentlich großzügig gebaut. Das Gebäude wurde als Handwebereibetrieb eingerichtet, die großen Säle des 1., 3. Und 4. Stockwerkes mit Handwebstühlen bestückt, während der 2. Stock Wohnfläche für die Besitzer blieb.

Dieser Stock  umfasste außer der Küche acht Wohnräume und einen Saal, der als Salon, mit Plüschmöbel eingerichtet war. In diesem gaben die gastfreundlichen Besitzer ihre Gesellsachten. Die Ziegel für den Fabrikbau wurden in einer eigenen Ziegelschlägerei beim „Kastner“ in Waldhäuser hergestellt. Heute besteht der Hof nicht mehr, doch der Name ist im Besitz des Herrn Erich Slupetzky „Kastner – Waldhof“ erhalten geblieben!

Der Sand wurde von der „Kaiser – Sandgrube“ (heute steh dort das Haus Dobersberger, vulgo „Binder“ Nr. 69) genommen. Der ganze Südhang der Fabrik eigenen Hügels wurde für Bleichzwecke gerichtet, indem flache, muldenförmige Vertiefungen ausgehoben wurden. In diese legte man die vorher ausgekochten Leinengarne und unterzog sie etwa sechs Wochen lang der Tauröste.

Bild: Fabrik um 1860

Auch kulturell blieben die Wirkungen einer so maßgeblichen Betriebsgründung nicht aus.

Die Simonettas führten ein großes Haus. Die Gemahlin von Karl Simonetta ließ sich sogar fallweise mit einer Sänfte zur Kirche tragen. Eine werkseigene Musikkapelle (unter Kapellmeister Tschapp) konzertierte jeden Sonntag und machte Helfenberg zum Mittelpunkt der Unterhaltung. Das Haus Helfenberg Nr. 40 (ehemals Gasthaus Handlbauer, 1979 abgerissen) wurde von den Sinomettas 1845 gekauft und um einen Trakt vergrößert. Es hieß im Volksmund „Trakterwirtshaus“, aus dem Italienischen Trattoria = Schenke. Auch die sogenannte Bierhalle (Nr. 77) wurde dazu gebaut, bei der sich an der heutigen Hansberg Landstrasse ein Schießstand befand. Die Fabrik besaß auch eine eigene Feuerwehr.

Die Männer nannte man Pompers (französisch: pompiere=Feuerwehrmann) Um 1850 soll in einer Übung mit Hängeleitern die Außenseite des Fabrikgebäudes erklettert worden sein. Im Jahre 1849 starb Peter Simonetta und sein ältester Sohn Karl Leopold übernahm das Mailänder Bankhaus, während seine beiden Brüder Alexander und Stefan den Helfenberger Betrieb leiteten und ausbauten. Zwei Ölbilder der beiden Brüder, sowie ein drittes, den ersten Betriebsleiter darstellend, sind in Verwahrung der Firma Gollner. Im Jahre 1854 ging das Mailänder Bankhaus in Liquidation.

Hierüber liegt eine gesiegelte Testamentsabschrift des Karl Leopold Simonetta vor:

Mailand, 3. August 1854

Die traurigen Wechselfälle, welche seit mehr als einem Jahre den Handel in allgemeinen drücken, verursachten meinem Hause sehr schwere Verluste und zwangen es zur Auflösung und Liquidierung. Dieses harte Schicksal brachte eine solche Störung in mein Gemüht, dass ihre Auswirkung sich auch auf mein Physisches sehr heftig geltend machte, sodass es mich das Ende meiner irdischen Existenz als nicht ferne voraussehen lässt.

Und weil der Ausgang der Liquidation ungewiss ist, vorzüglich in dieser für den Handel im allgemeinen schweren Zeitperiode und weil das Haus Heinril Milius & Co zur Garantie der Vorschüsse, welche es mit wahrhaft freundschaftlichem Entgegenkommen zu dem Ende meinem Hause zu machen auf sich genommen hat, damit es auf ehrliche Weise seinen Verpflichtungen zur bezüglichen Verfallszeit nachkommen konnte, die Abtretung der ganzen beweglichen und unbeweglichen Habe meines Hauses verlangt hat, so habe ich meinen früheren letztwilligen Anordnungen aufheben müssen und verordne und bei gesunder Geisteskraft mit diesem meinem selbst geschriebenen Testamente, wie folgt:

Vor allem empfehle ich meine Seele Gott dem Barmherzigen, damit er nicht in Hinblick auf meine Verdienste, wohl aber in Hinblick auf den Willen meines von dem Sinnen nicht gebundenen Geistes mir die Verzeihung meiner Sünden angedeihen lasse und mich aufnehme in seinen barmherzigen Schoss. Ich bitte meinen teuren Freund, den Rechnungsrevidenten Della Porta die Vormundschaft meiner Kinder zu übernehmen und empfehle ihm auch meine Teure Gemahlin, welche mir vorzüglich in dieser schweren zeit die augenscheinlichen Beweise ihrer aufrichtigen Zuneigung gegeben hat. Denselben Freund Della Porta ernenne ich auch zum Testamentsexekutor. Von meinem frei vererblichen Vermögen vermache ich die Hälfte meinem Julius, in Viertel der Emilie und ein Viertel der Mathilde, und wünsche, dass ihnen bei der im Zuge begriffenen Liquidation das Glück günstig sein möge. Ich erkläre dass ich einen großen Teil der Beweglichen Luxusgegenstände gekauft habe, um dadurch meiner teuren Gigia eine Gefallen zu erweisen, wobei ich auch ihr Geld verwendete. Daher halte ich es für meine Pflicht, ihr hieran nach ihrer Auswahl den Wert von 10.000 österr. Lire als Legat zu vermachen, sage –zehntausend Lire-.Hiervon ist die Bibliothek ausgenommen, welche ich mit allen Büchern meinem Sohn Julius insbesondere vermache. Meiner Teuren Gigia vermache ich auch die Diamanten, welche infolge des Heiratsvertrages sich bereits in ihrem Gebrauche befinden, auch überlasse ich ihr den an meinem Finger befindlichen Diamantring. Diesen aber unter der Bedingung, dass sie ihn einst meinem Julius legire. Meiner Teuren Gigia vermache ich auch die Werke des „Barbieri“, welche so viel beigetragen haben, uns zur herzlichen Zuneigung und gesunden Denkungsweise zu führen.

Als Unterpfand der Freundschaft und Hochachtung vermache ich meinem Freund Della Porta das im Studierzimmer meiner Wohnung befindliche, den Kopf eines Mönches vorstellende Gemälde von Velasquez, ferner meine englische Uhr und meine diamantene Stecknadel und will. Dass er als gerechte obwohl bescheidene Geltung seiner Mühe bei Administration meines Nachlasses, ein Prozent des reinen Einkommens so lange zu genießen habe, bis mein Sohn Julius großjährig geworden und meine Töchter verheiratet oder doch großjährig sind. Meinem Angelius Gurzi vermache ich ein für allemal 300 österr. Lire, ich vermache der Theresia Peyrl ein für allemal 300 österr. Lire. Ich segne ihn voller Ergießung meines Herzens und meines Geistes meine teuren Kinder und meine Gemahlin und verspreche ihnen, wenn mich Gott in seine Gnade aufnimmt, dass ich inständig für ihr Wohl bei ihm bitten werde. Ich verzeihe allen, welche mir Unannehmlichkeiten verursacht haben und so wolle auch Gott mir vergeben und was ich ihn lebhaft anflehe auch bitte ich alle, welche ich auch ohne es zu wollen beleidigt haben sollte, mir gütig zu vergeben.

Vor allem empfehle ich mich meinen Brüdern, damit sie im Geist der Gerechtigkeit und Güte das Vergangene richten und gegen mich kein zu hartes Urteil fällen, alle haben wir gefehlt und gegenseitig muss die Nachsicht sein, Allen Gliedern des ehrwürdigen Hauses Milius hinterlasse ich einen freundschaftlichen Gruß und mein letztes Wort des Dankes, indem dies Haus mit seinem Akte der Großmut die Ehre meines Hauses gerettet hat, ein Akt, welcher das Haus Milius in den Augen der ganzen Handelswelt und aller Menschenfreunde hoch erhebt.

Endlich hinterlasse ich meinem Sohn folgende Lehre:

Mein Sohn! Dein Vater ist vorzeitig gestorben, weil er sich mit zu großem Mute in Unternehmungen eingelassen hat. In den seltenen Momenten, wo alles nach Wunsch geht, fühlte ich manch süße Befriedigung, allein wenn die Geschäfte stockten und wenn aus irgendeiner meinem hause gänzlich fremden Ursache das Misstrauen der Banquire rege wurde, war ich des Grames voll und die Furcht des einen oder anderen Tages meinen Obliegenheiten nicht ehrenvoll nachkommen zu können, In welcher Furcht ich fast durch ein volles Jahr lebte, nagte an meinem Leben. Dazu kam noch die meinem Hause aufgelegte Liquidierung, obgleich sein Aktivum das Passivum bedeutend überstieg. Müge dir mein trauriges Beispiel zum Nutzen gereichen. Sei mäßig in den Unternehmungen und brauche den Kredit auf eine Weise, dass du ihn auch entbehren kannst, wenn es dir eben beliebt. Mache keinen Gebrauch von den Schmeichelfanten Anerbietungen, welche dir bei guten Zeiten werden gemacht werden. Denke, dass ich in diesem Netze gefangen geworden bin und dass bald der Tag des Misstrauens anbricht und wenn du dann wegen des benützten Kredites in Obliegenheiten stehst, so wirst du daran verbluten.

Mein Sohn, strebe nicht nach Ruhm, es würde dir viele Feinde machen, sonder halte dich abseits, suche nicht zu scheinen, sonder zu sein, Sei gerecht, ehrenhaft und vorsichtig und vertraue auf Gott. Halte fest an den Satzungen unserer Religion welche mir heute, ich fühle es, zum großen Troste gereichen, dass Gott der Herr dir ein gedeihliches Leben verleihe. Ich segne dich

Karl Leopold Simonetta

 

Schwacher Geschäftsgang, Geschäftsverluste und der Überlieferung nach auch, die Aufdeckung von Warenschmuggel auf dem Donauwege nach dem Balkan mit der Folge von hohen Zollstrafzahlungen sollen Schuld am Biedergang der Fabrik sein. Auch die Auszahlung größerer Anteile an die Witwe des Karl Leopold Simonetta, sowie an Bruder Johann, der sich 1863 aus der Firma zurückzog, mochten eine weitere große Belastung für die Finanzen des Unternehmens darstellen. Dazu kamen noch die ungünstigen politischen Verhältnisse. Österreich musste nach der verlorenen Schlacht von Solferino 1859 einen Großteil der Lomardei (Gebiet um Mailand) an Italien abtreten. Die italienischen Absatzgebiete gingen daher für die Firma Simonetta endgültig verloren. Als die Brüder Anton, Stefan und Alexander Simonetta ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten, meldete Stefan (er führte auch eine Verkaufsfiliale in Wien, Gonzagasse, 1. Bezirk) Mitte August 1864 den Konkurs an. Als Hauptgläubiger scheint die Firma Milius in Mailand auf, an die auch die Fabrik in Helfenberg überging. Außer der Fabrikgebäuden gehörten noch folgende Objekte zur Fabrik:

Helfenberg Nr. 29, heute Atzmüller Alois, 1861 von Ruckerbauer erworben, 1865 an Frischeisen verkauft.

Helfenberg Nr. 30, heute zwischen Mayr und Bachleitner, 1851 von Lichtenauer erworben.

Helfenberg Nr. 35, heute Portierhaus, 1840 als „Bäckermühle“ erworben.

Helfenberg Nr. 40, ehemals Gasthaus Handlbauer, 1845 angekauft, 1882 an Hofer veräußert, 1979 abgerissen.

Helfenberg Nr. 68, ehemals Näherei Kubes, 1847 erbaut, 1884 an die Gemeinde verkauft, als Schulhaus umgebaut, heute wieder im Besitz der Fabrik Helfenberg.

Helfenberg Nr. 71, heute „alter Kindergarten“ im Besitz der Böck Gruppe, 1850 von Werkführer Neubauer erbaut, 1872 an Schenkenfelder veräußert.

Helfenberg Nr. 74, heute Josef Rechberger, gegenüber des Trafo, 1854 durch Werkführer Neubauer erbaut, 1866 an Anton Feyrer verkauft.

In diesem Haus wohnte eins der Fabriksarzt Antner. Auch sollen sich darin Stallungen für Pferde befunden haben.

In der Blütezeit der Fabrik von 1845 bis etwa 1860 arbeiteten 1.200 Personen. In sogenannten Faktoreien in Aigen, Reichenau, Traberg und Friedberg waren zusätzlich etwa 2.000 Weber mit Heimarbeit beschäftigt.

Als Beamte der Helfenberger Fabrik scheinen auf:

Hermann Tichy/Werkführer (Betriebsleiter) 1844 und 1848

Matthias Neubauer/Werkführer 1844 bis 1864

Johann Hampl/Werkführer 1856 bis 1858

Anton Feyrer/Spul- und Schwaifermeister 1859 bis 1864

Nach dem Konkurs stand die Fabrik ein Jahr still. Was dieser Stillstand für die vielen Arbeiter bedeutete, lässt sich leicht vorstellen: Not, Armut und Elend. 1865 wurde Alexander Simonetta Direktor der Fabrik und begann recht bescheiden mit Handweberei von Leinenwaren. Er durfte jedoch das Geschäft nicht alleine führen und hatte deswegen große Schwierigkeiten, Als Kompagnon konnte er den Buchhalter der Vonwiller`schen Textilfabrik in Haslach, Herrn Johann Hurnaus gewinnen. Diese beiden Männer nahmen die Fabrik vom Bankhaus Milius in Pacht. Sie beschäftigten etwa 100 Weber und erzeugten Leinenwaren für Tischwäsche und auch Anzugstoffe aus Baumwoll- und Leinengarn. Auch Bleicherei und Färberei wurden betrieben, wobei 40 bis 50 Menschen Arbeit fanden. 1882 erwarben Alexander Simonetta und Johann Hurnaus die Fabrik als Eigentum, veräußerten jedoch die Häuser Nr. 40 und 68.

Im November 1889 wurde die Fabrik an Herrn Hugo Hahn verkauft, der bis 1896 Alleinbesitzer war. In diesem Jahr gewann er Herrn Adolf Anderl aus Wien als Kompagnon, um größere Investitionen tätigen zu können. Nach einigen Jahren schied Anderl aus der Firma und etablierte sich in Kleedorf in Niederösterreich. Dieser Betrieb ist noch heute im Besitz der Familie Anderl. Herr Hugo Hahn kam aus Alt-Nagelberg, wo er bei der Glasfabrik der Brüder Stölzle als Buchhalter beschäftigt war. Er erzielte zweimal größere Treffer in der Lotterie und erwarb mit diesen Geldern die Helfenberger Fabrik.

1896 bis 1897 errichtete er im Erdgeschoß des Webereigebäudes eine Färberei und im ersten Stock eine mechanische Weberei mit 72 schmalen Webstühlen. Eine „Francisturbine“ wurde gegenüber der Weberei aufgestellt, die erzeugte Kraft wurde mittels Kettenrädergetriebe in Färberei und Weberei  geleitet. Das Wasser für die Turbine wurde aus dem oberen Wehr in einem Wasserohr zur Turbine geführt. 1905 wurde die mechanische Weberei weger Unrentabilität wieder aufgelassen.

Nach dem Tode Hugo Jahns am 14. Oktober 1913 übernahm sein Sohn Walter den Betrieb. Die Geschäfte gingen schlecht. Nachdem Walter Jahn am 1. August 1914 zum Militärdienst im 1. Weltkrieg einrückte, stand der Betrieb zeitweise ganz still. Während des Krieges leitete Josef Frischeisen, der seit 1874 zur Firma gehörte, die Fabrik. Als Herr Walter Jahn aus dem Krieg heimkehrte, konnte er den Betrieb nicht mehr zum Anlaufen bringen und verkaufte 1919 die Fabrik Helfenberg an Herrn Matthäus Gollner aus Haslach. Durch die furchtbare Inflation am Beginn der 20er Jahre verlor Walter Hahn den ganzen Erlös aus dem Verkauf der Fabrik und wurde ein armer Mann.  Als Steuerberater fristete er kümmerlich sein Leben und starb verarmt am 18. März 1963 in Helfenberg.

Unter Herrn Kommerzialrat Matthäus Gollner erhielt der Betrieb eine zielbewusste Führung. Mit Tatkraft, Umsicht und gediegenem Fachwissen stattete er den Betrieb sowohl in baulicher als auch in maschineller Hinsicht entsprechend aus und führte die Unternehmungen in Haslach und in Helfenberg zu Spitzenbetrieben des oberen Mühlviertels. Heute zählt das Unternehmen GOLLNER zu den ältesten und bedeutendsten Textilunternehmen des Mühlviertels. Das Unternehmen wurde 1840 von Matthäus Gollner, dem Urgroßvater von Ernst Gollner in Sarleinsbach gegründet. 1876 übernahm der Sohn des Gründers Franz Gollner, den Betrieb. Er übergab diesen im Jahr 1905 seinem Sohn Matthäus Gollner. Vom Gründer und dessen Nachfolgern wurde der Betrieb als handwerkliche Leinenweberie du Erlags Vertrieb mit einer angeschlossenen Bleichere geführt. Ein erwähnenswertes Detail ist die die Jahreszahl der Gründung der Firma Gollner. Das Unternehmen Gollner wurde 1840 gegründet, in jenem Jahr als die Fabrik Helfenberg ihre ersten Mauern erhielt. Damals waren etwa 200 Betriebs und Handweber beschäftigt. Die fortschreitende Technik zwang Gollner, seinen Handwerksbetrieb zu mechanisieren. Er übersiedelte daher 1912 nach Haslach, das schon damals als Sitz der oberösterreichischen Leinenindustrie galt. Hier waren die Voraussetzungen für eine Mechanisierung und Vergrößerung des Unternehmens sowohl von der Verkehrslage als auch vom Arbeitskräftepotential her gesehen wesentlich günstiger als in Sarleinsbach.

In Haslach wurden die ersten 50 mechanischen Webstühle und eine für die Ausrüstung der damals hauptsächlich erzeugten Mühlviertler Leinen notwendige schwere Mange aufgestellt. Nah der Erwerbung der Fabrik Helfenberg 1919 wurde in dieser eine neue Stückbleiche eingerichtet und die Weberei durch Aufnahme von Lohnarbeit wieder beschäftigt. Die verfallenden Gebäude wurden instandgesetzt. Mitte der 20er Jahre übersiedelte man die Färberei aus dem Webereigebäude in ihren jetzigen Arbeitsraum über der Bleiche. Damals wurde auch schon der Raum für die vorgesehene Unterbringung einer Appretur geschaffen. Der im Webeigebäude durch Verlegung der Färberei frei gewordene Traum wurde als zweiter Websaal eingerichtet und nahm 48 breite Stühle auf, sodass jetzt insgesamt 120 Webstühle betriebsbereit zur Verfügung standen.

Während des zweiten Weltkrieges von 1939 bis 1945 wurde die Weberei reorganisiert. Durch den Einbau von Kettenfaden- und Schußfaden-Wächtern, die Verwendung von Großraumschützen und durch Einzelantrieb der Webstühle wurden diese zu leistungsfähigen Halbautomaten. Der Nutzeffekt konnte von 62-64 % auf 82+84 %, also um ein Fünftel angehoben werden. Durch diese Rationalisierungsmaßnahmen war es möglich, von Vierstuhlsystem auf das Achtstuhlsystem bei schmalen Webstühlen und auf das Sechsfachsystem bei breiten Stühlen überzugehen. Das heißt, dass ein Weber anstatt vier Stühle und die doppelte Anzahl bzw. sechs Stühle bedienen konnte, die genannten Investitionen brachten eine starke Produktivitätssteigerung.

Das Jahr 1945 und die Nachkriegszeit stellte die Firma Gollner vor große Probleme. Durch die sowjetische Besetzung des Mühlviertels waren größere Investitionen ein ausgesprochenes Risiko. Die politische Lage war labil und spitzte sich durch die Auseinandersetzungen der westlichen Großmächte mit der Sowjetunion oftmals dramatisch zu. Die Nachkriegsjahre brachten den Eisernen Vorhang und den Kalter Krieg. Es war daher unmöglich, dem Textilbetrieb die so nötige Modernisierung angedeihen zu lassen. Im Jahre 1951 verstarb Kommerzialrat Matthäus Gollner nach einem arbeitsreichen, schaffensvollen und erfüllten Leben, Sein Neffe, Herr Ernst Gollner, der den ganzen Krieg als Frontsoldat mitgemacht hatte, übernahm nun die Führung der Unternehmens.

Ihm standen zwei Werke mit zusammen 170 mechanischen Webstühlen und allen für die Produktion von Leinen- und Baumvollgeweben erforderlichen  Hilfs- und Ausrüstungsmaschinen zur Verfügung, doch galt der Maschinenpark wegen der fehlenden Erneuerungen während der Kriegs- und Nachkriegszeit als veraltet und technisch überholt. Durch die bereits erwähnte russische Besatzung und die zweifelhafte politische Situation geriet die Mühlviertler Industrie gewaltig ins Hintertreffen, während die westösterreichische Textilindustrie unmittelbar nah Kriegsende mit der Modernisierung ihrer Betriebe beginnen konnte.

Erst nach Unterzeichnung des Staatsvertrages am 15. Mai 1955 und nach Abzug der Besatzungsmächte war auch im Mühlviertel der Freiraum geschaffen, den die heimische Industrie zu ihrer Entfaltung so dringend nötig hatte. Ernst Gollner nahm nun mit ganzer Kraft die Erneuerung des Maschinenparks und alle sonstigen erforderlichen Rationalisierungsmaßnahmen in Angriff. Als erste Maßnahme zur Leistungssteigerung wurden im Jahre 1956 alle alten Vorbereitungsmaschinen der Weberei durch Modelle neuester Bauart ersetzt.

Als zweite Investitionswelle erfolgte die vollständige Erneuerung aller Ausrüstungsmaschinen. Um die Versorgung mit kalorischer und elektrischer Energie sicherzustellen, wurde ein moderner Ölfeuerungsdampfkessel angeschafft und in der Radstube des ehemaligen Wasserrades eine leistungsfähige Francisturbine mit Generator aufgestellt. Aus Gründen der Konzentration wurde schließlich der Haslacher Webereibetrieb in das Hauptwerk nach Helfenberg verlegt und ab 1958 alle mechanischen Webstühle durch moderne Webautomaten ersetzt. Die Kosten für die gesamte Betriebserneuerung beliefen sich damals auf etwa 20 Millionen Schilling (1,5 Millionen Euro), die aus betriebseigenen Mitteln aufgebracht wurden.

Dieser Betrag ist in Relation zum heutigen Preisniveau gigantisch und das beachtliche Aufbauwerk eine hervorragende Leistung des Gesamtunternehmens. Natürlich blieben die geschilderten Innovationen nicht ohne Auswirkung auf die Produktivität, die in erheblichem Maße gesteigert wurde. Mit 50 Webautomaten wurden nun (1966) mehr als doppelt so viele Meter Ware erzeugt als vor vierzig Jahren mit 120 gewöhnlichen mechanischen Webstühlen. Und dies, obwohl sich die Belegschaft von 180 Mitarbeitern im Jahr 1926 auf 90 verminderte.

Bild: Die Fabrik Helfenberg 1984

 

Heute

Nach mehreren Besitzwechsel in den letzten Jahrzehnten wurde 2001 das gesamte Areal der Fabrik Helfenberg, mit rund 40.000m² gekauft. Nach dem Leitsatz “Tradition & Innovation” wurden zahlreiche Revitalisierungs- Projekte in Angriff genommen. Renovierungen, Um- und Ausbauten. Und es werden weitere folgen. Dem Eigentümer und seinem Team ist es zu verdanken, dass heute in der Fabrik Helfenberg wieder produziert wird. Neben architektonischen Schätzen findet man in und um die Fabrik Helfenberg

Textilproduktion und Vertrieb

Textilforschung und Entwicklung

Veranstaltungsräume für Ausstellungen, Konzerte, Kunst und Kultur

Gastronomie, sowie eine der faszinierendsten und schönsten Modelleisenbahnen Österreichs

Die Bedeutung der Textilindustrie für den Raum Helfenberg ist grundlegend. Besonders „die Fabrik“ ist allen Bewohnern unserer Gegend nicht nur historischer Begriff, sondern als Wirtschaftsfaktor für Bevölkerung und Gemeindeverwaltung nicht mehr wegzudenken, diese zentrale Stellung, die sich Leitung und Belegschaft unserer heimischen Textilunternehmungen in Jahrzehnten voll Arbeit, Sorgen, Mühen und Entbehrungen – aber auch mit Mut und Freude geschaffen haben, findet auch Ausdruck im Gemeindewappen von Helfenberg, das ein Weberschiffchen in seinem Bilde zeigt.

Bild: Gemeindewappen Helfenberg

Lithographie der Fabrik Helfenberg 1835

Quellenangaben:

Öberösterreichisches Landesarchiv „Beiträge zur Landeskunde des Mühlviertels, 15. Bändchen. Unterlagen von der Firma Textilwerk M. Gollner & Co,

und die gute Seele der Fabrik Herr Schwaighofer

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